Nein, meine Nonna macht ihre Pasta nicht selbst
Vor 70 Jahren kamen die ersten angeworbenen Arbeitskräfte aus Italien nach Deutschland, darunter die Großeltern unserer Autorin. Seitdem hat sich das Bild von italienischstämmigen Menschen verändert – Vorurteile gibt es aber immer noch
fluter, 19.12.2025
Was sind deine „Wurzeln“? Fühlst du dich eher italienisch oder deutsch? Diese Fragen kann ich nie in einem Satz beantworten. Meist möchte ich sie auch gar nicht beantworten, sind sie doch, zumindest für mich, emotional besetzt.
Gestellt werden mir die Fragen trotzdem. Eine mögliche Antwort könnte sein: Ein wichtiger Teil der Geschichte meiner Familie beginnt in Sizilien. Der andere Teil an Gleis 11 am Münchner Hauptbahnhof.
Rund zwei Millionen kamen nach Deutschland
Im Dezember dieses Jahres jährt sich zum 70. Mal das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien. Von 1956 bis 1972 kamen rund zwei Millionen Italiener:innen nach Deutschland. Menschen wie meine Großeltern waren Gäste, die man als Arbeitskräfte brauchte. Besonders willkommen waren sie damals nicht. Trotzdem gingen manche von ihnen nicht mehr zurück in ihre Heimat. Sie blieben in Deutschland, auch meine Familie baute sich in München ein neues Zuhause auf.
Als die Angeworbenen am Hauptbahnhof in München ankamen, mussten sie direkt nach unten, runter von der Bildfläche, in die Weiterleitungsstelle in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Dort gab man ihnen eine kleine Verpflegung und untersuchte ihre gesundheitliche Verfassung. Ob ihre Körper arbeitstauglich waren. Ob sie noch alle Zähne im Mund hatten. Ich muss an Pferde denken, nicht an Menschen.
Das Anwerbeabkommen wurde Vorbild für weitere Verträge mit der Türkei, Griechenland, Spanien und anderen Ländern. Ein „Spiegel“-Artikel aus dem Jahr 1970 veranschaulicht die damalige Stimmung. Er zeichnet nach, wie große Teile der deutschen Medienlandschaft die Angst vor „italienischen Messerstechern“, „türkischen Sittenstrolchen“, „griechischen Langfingern“ schürten – etwa mit Schlagzeilen wie „Immer mehr lichtscheue Elemente aus dem Ausland strömen in die Bundesrepublik“. Gleichzeitig zitiert der „Spiegel“ einen Mainzer Kriminaldirektor, der sagt, die Kriminalität der „Gastarbeiter“ sei „wesentlich geringer als die der Deutschen“.
Wenn ich diese Berichte heute lese, fällt mir auf, wie viel Abwehr in der Sprache steckte. Und wie vertraut mir diese Muster aus den Aussagen von populistischen und rechtsextremen Politiker:innen der Gegenwart sind.
Nenne ich meinen Namen, hören andere: Urlaub in Italien
Als Enkelin italienischer „Gastarbeiter:innen“ prägt mich die Geschichte meiner Großeltern und Eltern weiterhin. Ohne sie wäre ich gar nicht hier. Die Diskriminierung, die meine Großeltern bei ihrer Ankunft erfahren haben, kenne ich nicht. Stattdessen werde ich mit einem romantisierenden Blick auf Italien konfrontiert und mit einer vermeintlichen Offenheit.
Nenne ich in einer Small-Talk-Runde meinen Namen, weiß ich eigentlich schon vorher, dass mindestens eine Person aus der Gesprächsrunde mir gleich von ihrem letzten Italienurlaub vorschwärmen wird. In solchen Kontexten falle ich also positiv auf. Meine Eltern und ich hören regelmäßig Sätze wie „Ja, aber bei euch ist das ja anders, ihr seid ja nicht so richtige Ausländer.“
Gleichzeitig muss ich daran denken, wie ich mit 18 gemeinsam mit meinem Vater meinen ersten Handyvertrag abschließen möchte und der Mitarbeiter des Mobilfunkanbieters mit meinem Vater redet, als wäre er schwer von Begriff, weil er einen Akzent hat und gelegentlich die Artikel falsch benutzt. Ich kochte vor Wut. Mein Vater meinte, ich solle mich nicht so aufregen. So sei das eben.
Und dann all die Klischees: Das ungläubige Staunen meines Gegenübers, wenn ich erzähle, dass meine sizilianischen Großmütter gar nicht so oft Pasta mit den Händen kneteten. Die eine wusch Teller, die andere schneiderte und nähte. Die Lehrerinnen und Lehrer, die mich ermuntern wollten, lauter zu sein. „Du bist doch Italienerin!“
Ich denke an meine Studienzeit: Ich bin mit einem Mentor verabredet. Es soll um meinen beruflichen Werdegang gehen. Als ich in der U-Bahn stehe und merke, dass sich die Weiterfahrt verzögert, tippe ich in mein Handy, dass ich etwas verspätet zu unserem Treffen komme, und entschuldige mich. Als ich schließlich da bin, begrüßt er mich so: „Halb so schlimm, das sind die typischen italienischen 15 Minuten.“ Ich schäme mich.
Eine der wohl deutschesten Angewohnheiten meiner Familie: Überpünktlichkeit
Was dieser Mentor nicht weiß: Eine der wohl deutschesten Angewohnheiten in meiner Familie ist es, überall pünktlich, nein, überpünktlich zu sein. Unpünktlichkeit mögen die Deutschen nämlich nicht. Diese Angst, ein schlechtes Bild zu hinterlassen, haben meine Großeltern an meine Eltern weitergegeben, und meine Eltern gaben sie, wenn auch abgeschwächt, an mich weiter.
Meine Familie hat mir mehr hinterlassen als Ängste und die Erinnerungen ans Ankommen: eine zweite Sprache, die mir heute im Beruf nützt, und die Chance weiterzugehen. Als Erste konnte ich studieren. In vielen Familien mit „Gastarbeiter:innen“-Vergangenheit zeigt sich jedoch auch, wie eng Migration und soziale Herkunft zusammenhängen können.
Studien aus den 2000er-Jahren belegen: Kinder mit italienischem Migrationshintergrund schnitten in der Schule schlechter ab, besuchten häufiger Haupt- oder Sonderschulen und seltener das Gymnasium.
Die Soziologin Edith Pichler sagt dazu, dass neben den sozialen Faktoren – also welchen Bildungsgrad die Eltern hatten – auch das Schulsystem der Region eine Rolle spielte, in der die Kinder von „Gastarbeiter:innen zur Schule gingen: Heute fasse man, so Pichler, italienischstämmige Schüler:innen in der Kategorie „andere EU-Ausländer“ zusammen, weshalb sich nicht mehr genau ablesen lasse, welche Schultypen sie besuchten. Ich selbst erreichte einen Schulabschluss, der meinen Eltern noch verwehrt blieb. Meine Großeltern wiederum konnten nur passiv lesen und schreiben.
Pichler beschreibt neben den Bildungschancen auch einen Wechsel in der Art und Weise, wie man italienische Einwander:innen in Deutschland damals und heute sieht: Italiener:innen seien früher mit vielen Vorurteilen konfrontiert gewesen. Heute würden sie eher als Vertreter:innen eines vermeintlichen „italienischen Lifestyle“ wahrgenommen.
Klischees und ein verklärtes Italienbild wirken ziemlich harmlos, wenn man bedenkt, dass es früher Gaststätten gab, an deren Türen Schilder hingen, auf denen stand: „Zutritt für Hunde und Italiener verboten!“ Kaum jemand denkt heute noch daran, so sehr hat sich das Bild und die Akzeptanz von italienischen Einwander:innen in Deutschland verändert, 70 Jahre nach dem Anwerbeabkommen.
Zum Jubiläum erfährt die „Gastarbeit“ wieder Aufmerksamkeit
Wenn nun feierlich vom „Jubiläum“ gesprochen wird, erfährt das Thema der „Gastarbeit“ für einen kurzen Moment Aufmerksamkeit. Lange hat Deutschland gebraucht, um sich selbst als Einwanderungsland zu begreifen. Menschen wie meine Großeltern kamen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Gleichzeitig trugen sie zum wirtschaftlichen Aufschwung bei. Dass hinter dieser „Arbeitsleistung“ persönliche Geschichten stecken von Menschen, die mit wenig auskommen mussten, die ihre Familien vermissten, die Schmerz aushielten, wird zu wenig erzählt.
Sie sollten gehört werden, in Schulen, Museen, auf Lesungen. Die Lebensgeschichten der sogenannten „Gastarbeiter:innen“ sind ein Teil deutscher Nachkriegsgeschichte.
Ich erinnere mich an einen Lesungsabend, bei dem sich eine türkischstämmige Frau der ersten „Gastarbeiterinnen-“Generation zu Wort meldete. Es ging um die Frage, wo man sich denn nun „verwurzelt“ fühle: „Es ist doch klar, unsere Wurzeln sind jetzt im Wasser“, sagte sie. Die Entwurzelung einer Pflanze bedeutet nicht ihren Tod. Sie braucht aber Wasser; auch um sich zu vermehren. Finden sie und ihre Ableger später einen nahrhaften Boden, gedeihen sie. Vielleicht, denke ich mir, ist es bei uns Kindern und Enkeln der „Gastarbeiter:innen“ ähnlich: Es ist weniger wichtig, woher unsere Wurzeln kommen, wichtiger ist eine Umgebung, die Wachstum erlaubt.